Kommentar von Thorsten Trimpop

Auf den ersten Blick erschien mir Minamisōma als Geisterstadt, bedeckt von Schnee, entvölkert und dystopisch. Die Verantwortlichen hatten die japanische Kleinstadt bereits in zwei Bereiche unterteilt: ein Stadtteil war komplett evakuiert worden und im anderen galt nur eine Empfehlung den Ort zu verlassen. Das war im Januar 2012, neun Monate nach dem ein gewaltiger Tsunami Japans Ostküste in Schutt gelegt und fast 20.000 Menschen getötete hatte. Kurz danach kam es in drei der fünf Reaktoren des Kernkraftwerks von Fukushima Daiishi zu einer kompletten Kernschmelze, die eine radioaktive Wolke landeinwärts sandte, die sich bis hierher verteilte.

Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich drei Jugendliche mit Gitarren auf ihren Rücken auf. Die Gesichter versteckt hinter Atemschutzmasken liefen sie die leere Straße hinunter, in der kein Auto fuhr und alle Geschäfte verrammelt waren. Ich bat meinen Assistenten sie zu fragen, was sie vorhatten, aber sie reagierten sehr schüchtern. Nach einer Weile sagte einer der Drei, dass sie auf dem Weg zur Probe ihrer Band seien und lud uns ein mitzukommen. Im Proberaum beobachtete ich dann mit großem Erstaunen die Verwandlung des schüchternen Kazuki, der später einer der Protagonisten meines Filmes werden sollte, wie er seine Urängste, seine Frustration und Wut herausschrie.

Es war während dieser ersten fünf-monatigen Reise, dass ich viele der Elemente zu sehen begann, die dann später Furusato werden würden. Japans lange Tradition von Katastrophen-Filmen schien auf unheimliche Weise Realität geworden zu sein. 200.000 Einheimische waren gezwungen vor der Radioaktivität zu fliehen und alles zurück zu lassen: ihre Häuser, ihre Haustiere, die Asche ihrer Ahnen und jeglichen Sinn für die Zukunft.

Der rasch fortschreitende Nachrichtenzyklus fand schon bald neue Geschichten und das Thema verschwand so plötzlich wie es gekommen war von den Bildschirmen. Ich aber fragte mich, was aus all diesen Menschen geworden war, die ihr zu Hause verloren hatten. Katastrophen-Geschichten sind Teil einer Unterhaltungsindustrie, die auf verschiedene Arten konsumiert werden. Um den ersten Jahrestag herum wurde die Minamisōma noch einmal ein Magnet für Journalisten aus der ganzen Welt, die die dystopische Landschaft als Kulisse für ihre vorgefertigten Reportagen nutzten: Ground Zero Fukushima.

In dieser Zeit sah ich immer klarer meinen Film vor mir, ich wollte ein Gegenbild zur Oberflächlichkeit der Sensationssuche schaffen. Ein Film mit einem nachhaltig suchenden Blick, der mehr über die Menschen und ihre Beziehung zu dieser verwundeten Landschaft erzählt, die sie ihr zu Hause nennen – ein enormes Spannungsfeld, das ich schon damals wahrnahm, aber noch nicht wirklich begriff.

In den darauffolgenden Wochen traf ich immer mehr Menschen, die für sich entschieden hatten, auch weiterhin in den teilweise hochgradig verstrahlten Gebieten zu leben und nicht in der Lage waren, alles aufzugeben und sich als Flüchtlinge zu begreifen. Aber ich stellte mir immer wieder die Frage: Was treibt sie dazu, an diesem Orten zu bleiben? Was erhoffen sie sich hier noch?

Im weiteren Verlauf meiner Dreharbeiten stellten sich zunächst direktere Fragen: wie sollte ich als Außenseiter eine Beziehung zu Menschen aufbauen, die gerade einen solch fundamentalen Schock erlebt hatten und einerseits sehr wütend waren, aber verständlicherweise auch sehr vorsichtig, was sie einem Fremden anvertrauen konnten? Wie kann man eine unsichtbare Gefahr, wie Radioaktivität filmen? Wie gefährlich ist es für mich selbst, mich der Strahlung über so lange Zeiträume auszusetzen? Diese Fragen entwickelten sich dann bald zu universelleren Betrachtungen über die Art und Weise, wie wir Menschen ein zu Hause aufbauen und versuchen unser Bedürfnis nach Sicherheit zu stillen, obwohl die Situation in diesem Fall extrem unsicher war. Vor allem dachte ich auch über den Preis nach, den diese Menschen nun für den Lebensstil im fernen Tokyo bezahlen mussten – dort, wo die in Fukushima produzierte Energie zu 100% hingeliefert wurde.

Im Laufe der nächsten Jahre kehrte ich immer wieder nach Minamisōma zurück, schlief auf dem Boden eines kleinen Schreins und versuchte die Komplexität der Situation in Bilder zu fassen. Schutzanzüge und Atemmasken verschwanden fast vollständig und wurden durch eine trügerische Normalität ersetzt, die sich am besten in Situationen beschreiben lässt, wie die eines Samurais, der in Vorbereitung auf das heilige Reiterfest Soma Noma-oi in voller Keikō Rüstung auf einem Pferd an einem Friedhof vorbei reitet, der währenddessen von Dekontaminierungsarbeitern in Ganzkörperschutzanzügen gereinigt wird. Was im ersten Jahr der Dreharbeiten visuell nicht darstellbar schien, manifestierte sich nun immer mehr im monolithischen Anblick Hunderttausend schwarzer Plastiksäcke, in denen die radioaktiv verseuchte Erde gesammelt wird, die sich nun überall in der betörend grünen Landschaft aufstapelten.

Mein Außenseiterstatus verwandelte sich in einen unerwarteten Vorteil, weil die Menschen vor allem nach meiner Rückkehr Vertrauen zu mir aufgebaut und das Bedürfnis hatten, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ich war ergriffen und oftmals sehr überrascht von den Geschichten und Erlebnissen, die sie mit mir zu teilen begannen: eine Tochter, die ihre Karriere in Tokyo und ihre Gesundheit aufs Spiel setzt, um ihrem überforderten Vater, einem Pferdezüchter, zur Hilfe zu eilen; die widersprüchlichen Motive eines glamourös wirkenden Aktivisten auf einer existenziellen Mission; die beängstigende Wandlung eines an der Eliteuniversität Stanford ausgebildeten Ingenieurs für Atomsicherheit, von Reue und Schuld in totale Verleugnung.

Furusato ist der erste Film, den ich alleine gedreht habe, ohne Team, nur in Begleitung einer Übersetzerin. Ich ließ mich von meinem Instinkt leiten und bemühte mich, mit meiner Kamera die geduldig erworbene Vertrautheit in Bilder voller Anmut und Poesie zu übersetzen.

Der Begriff Furusato ist in der japanischen Kultur fest verankert und Ausdruck der dramatischen Veränderungen, die aus Japans Modernisierung hervorgegangen sind. Er lässt sich mit „zu Hause“ oder „Heimatstadt“ nur unzureichend übersetzen; Furusato beschreibt nicht nur die Landschaft unserer Kindheit, die für immer verschlossen ist, sondern auch die letzte Landschaft, die wir sehen bevor wir sterben.